
Berserker-Syndrom
Eine Verhaltensstörung bei Lamas und Alpakas, auch als aberrantes Verhaltenssyndrom bekannt, bei der übermäßig vermenschlichte Kameliden Menschen als Herdenmitglieder behandeln und gefährlich aggressiv werden.
Auch bekannt als Aberrantes Verhaltenssyndrom
Berserk Male Syndrome ist die alte, reißerische Bezeichnung für das, was Tierärztinnen und Tierärzte heute meist „aberrantes Verhaltenssyndrom“ nennen: ein Muster ernsthafter, gegen Menschen gerichteter Aggression bei Lamas und Alpakas. Das Tier ist dabei weder bösartig noch krank im üblichen Sinn. Es hat lediglich gelernt, Menschen wie Artgenossen zu behandeln, und sobald es geschlechtsreif wird, setzt es Stoßen, Brustrammen, Anrennen und Aufreiten ein, Verhaltensweisen, mit denen Lamas und Alpakas normalerweise die Rangordnung untereinander klären. Richtet sich das gegen einen Menschen, wird es gefährlich, denn ein ausgewachsenes Kamelid ist groß, schnell und kräftig.
Die eigentliche Ursache liegt in einer gestörten sozialen Prägung in der frühen Lebensphase, manchmal auch als Fehlprägung bezeichnet. Eine Cria (ein junges Lama oder Alpaka), die mit der Flasche aufgezogen wird, allein gehalten, wie ein Hundewelpen geherzt oder anderweitig vom normalen Herdenleben abgeschnitten wird, lernt möglicherweise nie, wo die Grenze zwischen „Mensch“ und „Herdenmitglied“ verläuft. Probleme treten meist zwischen etwa einem und drei Jahren auf, wenn Hormone das natürliche Dominanzverhalten verstärken. Eine Umfrage unter Kamelidhalterinnen, -haltern und Tierärztinnen und Tierärzten der Iowa State University ergab, dass die meisten gemeldeten Fälle unkastrierte Männchen betrafen. Bemerkenswerterweise waren viele dieser Tiere von der eigenen Mutter aufgezogen worden, wurden aber täglich oder wöchentlich von Menschen angefasst, intensives Streicheln spielt demnach eine ebenso große Rolle wie die Flaschenaufzucht. Auch Weibchen können betroffen sein, wobei sich ihr Verhalten häufiger auf Spucken und schwieriges Handling beschränkt. Fehlgeprägte Weibchen verweigern mitunter das Werben der Männchen, was die Zucht erschwert.
Anzeichen, die man ernst nehmen sollte, besonders bei einem jungen Männchen:
- Es rennt gegen den Zaun, bäumt sich auf oder nähert sich mit gesenktem Kopf in schlängelnder Linie
- Brustrammen, Schulterstoßen oder seitliches Aufbauen mit hochgerecktem Kopf
- Aufreiten auf Menschen oder anhaltendes Schreien, Beißen und Treten beim Handling
- Verhalten, das als Jungtier noch wie freche Zuneigung wirkte und mittlerweile handgreiflich geworden ist
Vorbeugen ist deutlich wirksamer als behandeln. Lass Crias bei ihrer Mutter und mit anderen Kameliden aufwachsen, halte notwendiges Flaschenfüttern kurz und sachlich statt liebevoll-verspielt, und belohne aufdringliches Verhalten bei einem Jungtier nicht, nur weil es niedlich wirkt. Eine Kastration vor der Pubertät senkt das Risiko bei Männchen und sorgt in der Regel für ruhigere Männergruppen, ist aber keine Garantie und löscht bereits erlerntes Verhalten nicht aus. Ist die gegen Menschen gerichtete Aggression erst einmal etabliert, ist die Prognose bei Kameliden ungünstig: Manche Tiere bessern sich durch fachkundiges Handling und veränderte Haltung, andere lassen sich nicht mehr gefahrlos halten.
Wenn ein Lama oder Alpaka in deiner Obhut bedrohlich wird, ziehe frühzeitig eine Tierärztin oder einen Tierarzt mit Kamelid-Erfahrung hinzu, bevor jemand verletzt wird. Auch medizinisch lohnt sich eine genaue Abklärung, denn Schmerzen, Zahnprobleme, ungeeignete Haltungsbedingungen oder gehemmtes Paarungsverhalten können ein Tier zusätzlich reizbar machen. Dies sind allgemeine Informationen; eine persönliche Einschätzung vor Ort ist der richtige Weg, um das jeweilige Tier zu beurteilen und die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten.