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Tierwissen
Neugeborene Welpen kuscheln sich beim Säugen eng an ihre Mutter in einer warmen Wurfkiste

Kolostrum-Versagen

Eine gestörte passive Immunübertragung liegt vor, wenn ein Neugeborenes zu wenig Antikörper aus der ersten Muttermilch aufnimmt und dadurch schlecht vor Infektionen geschützt ist.

Neugeborene Welpen, Kätzchen, Fohlen, Kälber, Lämmer und Zicklein kommen mit einem funktionsfähigen, aber völlig unerfahrenen Immunsystem zur Welt. Sie tragen kaum eigene Antikörper in sich, denn bei diesen Arten lässt die Plazenta vor der Geburt nur sehr wenige Antikörper zum Baby durch. Der Schutz muss also über den Mund kommen, mit der ersten Milch der Mutter. Diese Milch, das Kolostrum oder auch Biestmilch genannt, steckt voller Antikörper (Immunglobuline, vor allem vom Typ IgG). Und nur für ein kurzes Zeitfenster nach der Geburt kann der Darm des Neugeborenen diese großen Moleküle direkt ins Blut aufnehmen. Wenn diese Übergabe nicht richtig funktioniert und zu wenig Antikörper ins Blut gelangen, sprechen Tierärztinnen und Tierärzte von einer gestörten passiven Immunübertragung, oft auch mit den englischen Abkürzungen FPT oder FTPI bezeichnet.

Zwei Dinge machen dieses Thema dringlich. Das eine ist die Zeit. Die Fähigkeit des Darms, Antikörper aufzunehmen, lässt schnell nach und schließt sich dann ganz: Bei Welpen ist die Darmbarriere nach etwa 12 bis 16 Lebensstunden praktisch geschlossen, bei Kätzchen endet die Aufnahme nach ungefähr 16 Stunden, und bei Kälbern nimmt die Durchlässigkeit nach 12 Stunden stark ab und ist nach 24 Stunden ganz erloschen. Kolostrum, das zu spät gegeben wird, ist zwar noch gute Nahrung, doch die Antikörper bleiben dann größtenteils im Darm, statt ins Blut zu gelangen. Das andere ist die Folge. Ein Neugeborenes ohne diesen Antikörperschutz ist Infektionen praktisch schutzlos ausgeliefert, und sowohl die Sterblichkeit als auch schwere Erkrankungen wie eine Blutvergiftung (Sepsis) kommen bei diesen Tieren deutlich häufiger vor.

Viele ganz alltägliche Situationen können dazu führen: eine Mutter, die wenig oder minderwertiges Kolostrum bildet, die schon vor der Geburt Milch verliert oder einschießt, die ihr Neugeborenes verstößt oder nach einer schwierigen Geburt zu wund ist, um es trinken zu lassen, ein sehr großer Wurf, bei dem die Kleinsten von der Zitze verdrängt werden, ein zu früh geborenes oder geschwächtes Jungtier ohne Saugreflex, oder ein Waisentier ohne jeglichen Zugang zu Kolostrum. Bei Fohlen zeigen Untersuchungen an Englischem Vollblut, Traber- und Araberpferden, dass ein beachtlicher Teil der ansonsten unauffälligen Fohlen eine unzureichende Übertragung aufweist. Deshalb ist eine Testung auf vielen Gestüten Routine und keine Ausnahme.

Wann du deine Tierärztin oder deinen Tierarzt einschalten solltest

Bei Pferden und Nutztieren ist ein Bluttest zur Messung des IgG-Spiegels Standard, und es gibt auch schnelle Tests direkt für die Praxis. Bei Fohlen gilt ein Wert über 800 mg/dl als ausreichend, 400 bis 800 mg/dl als teilweise unzureichend und unter 400 mg/dl als vollständig unzureichend. Bei Welpen und Kätzchen lässt sich der Wert schwerer direkt messen. Tierärztinnen und Tierärzte stützen sich deshalb auf Vorgeschichte und Risikofaktoren sowie auf indirekte Blutwerte und behandeln, wenn das Gesamtbild dafürspricht.

Ruf noch am selben Tag deine Tierärztin oder deinen Tierarzt an, nicht erst morgen, wenn ein Neugeborenes:

  • innerhalb der ersten zwei bis vier Lebensstunden nicht getrunken hat
  • schlaff, kalt, auffällig ruhig ist oder ständig schreit
  • von der Mutter ferngehalten wird, oder die Mutter keine Milch hat
  • in den ersten Tagen an Gewicht verliert oder nicht zunimmt

Das Timing entscheidet über die Möglichkeiten. Solange das Aufnahmefenster noch offen ist, kann Kolostrum von der Mutter, von einer Spenderin derselben Tierart oder aus einer Kolostrumbank noch per Flasche oder Sonde gegeben werden. Ist der Darm bereits geschlossen, müssen Antikörper auf anderem Weg zugeführt werden, meist über eine intravenöse Plasmatransfusion bei Fohlen oder eine Seruminjektion bei Kätzchen und Welpen. Beides sind tierärztliche Maßnahmen. Vorbeugen ist hier besser als behandeln: Achte darauf, dass wirklich jedes Neugeborene früh trinkt, und hol dir schnell Hilfe, wenn eines das nicht tut.

Das sind allgemeine Informationen, keine Diagnose. Ein Neugeborenes, das nicht gedeiht, ist immer ein Grund, es untersuchen zu lassen.

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