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Tierwissen
Neugeborene Welpen kuscheln sich beim Säugen eng an ihre Mutter in einer warmen Wurfkiste

Kolostrum-Versagen

Passivtransferversagen tritt auf, wenn ein Neugeborenes zu wenig Antikörper aus dem Kolostrum aufnimmt. Kenntnis der Anzeichen und des richtigen Zeitfensters kann sein Leben retten.

Auch bekannt als Passivtransferversagen, FPT, Kolostrumversagen, gestörter Antikörpertransfer, Neugeborenen-Immunschwäche

Neugeborene Welpen, Kätzchen, Fohlen, Kälber, Lämmer und Zicklein kommen mit einem Immunsystem zur Welt, das arbeitsbereit ist, aber noch keinem einzigen Keim begegnet ist. Bei diesen Tierarten lässt die Plazenta fast keine Antikörper von der Mutter zum Ungeborenen durch, sodass jedes Neugeborene mit kaum eigener Abwehr startet. Diesen Schutz muss es sich erst nach der Geburt holen, und zwar über die erste Muttermilch. Kolostrum, die sogenannte Biestmilch, steckt voller Antikörper, überwiegend vom Typ IgG. In den ersten Lebensstunden kann der Darm des Neugeborenen diese großen Antikörpermoleküle noch unverdaut aufnehmen und direkt ins Blut schleusen, statt sie wie normale Nahrung zu verdauen. Von einem Passivtransferversagen, auch mit der englischen Abkürzung FPT (Failure of Passive Transfer) bezeichnet, sprechen Tierärztinnen und Tierärzte, wenn diese Übergabe nicht klappt und das Neugeborene am Ende nicht genug Antikörper im Blut hat, um Infektionen abzuwehren.

Zwei Dinge machen die Sache dringend. Das eine ist die Zeit. Die Fähigkeit des Darms, Antikörper ins Blut aufzunehmen, lässt schnell nach und erlischt dann vollständig. Bei Welpen beginnt dieser Prozess offenbar innerhalb von vier bis acht Stunden nach der Geburt und ist im Wesentlichen nach sechzehn bis vierundzwanzig Stunden abgeschlossen. Das zeigt eine Studie, in der neugeborenen Beagle-Welpen zu festen Zeitpunkten nach der Geburt Kolostrum verabreicht wurde. Bei Kätzchen funktioniert die Aufnahme am besten innerhalb der ersten sechzehn Lebensstunden und endet in der Regel nach etwa vierundzwanzig Stunden. Bei Nutztieren bringt Kolostrum, das erst nach rund achtzehn bis vierundzwanzig Stunden gegeben wird, kaum mehr als Nahrung, weil der Darm die Antikörpermoleküle dann nicht mehr durchlässt. Ist dieses Zeitfenster einmal vorbei, bleibt Kolostrum zwar wertvolle Nahrung, doch die Antikörper darin verbleiben größtenteils im Darm, statt ins Blut zu gelangen. Das andere ist die Folge: Ein Neugeborenes ohne diesen Antikörperschutz ist Infektionen praktisch schutzlos ausgeliefert. Blutvergiftung (Sepsis) und Tod in den ersten Lebenswochen treten bei Neugeborenen, die diese Übergabe verpasst haben, deutlich häufiger auf.

Viele ganz alltägliche Situationen können dazu führen: eine Mutter, die zu wenig oder qualitativ schlechtes Kolostrum bildet, eine Mutter, die schon vor der Geburt Milch verliert, eine schwere Geburt, nach der sie zu wund ist, um das Neugeborene trinken zu lassen, ein sehr großer Wurf, bei dem die Kleinsten von der Zitze verdrängt werden, ein frühgeborenes oder geschwächtes Jungtier ohne Saugreflex, oder ein Waisentier ohne jede Kolostrumquelle. Das passiert sogar bei guter Betreuung: Auf vier Gestüten in New South Wales hatten 16 % der Fohlen gar keinen Antikörpertransfer erhalten und weitere 17 % nur einen teilweisen. Deshalb gehört die Untersuchung darauf auf vielen Zuchtbetrieben zur Routine und ist nicht Fohlen vorbehalten, die schon offensichtlich krank wirken.

Wann du zur Tierärztin oder zum Tierarzt solltest

Bei Pferden und Nutztieren ist ein Bluttest zur Messung des IgG-Spiegels Standard, wobei neben dem genaueren Labortest auch schnellere Schätzverfahren direkt in der Praxis zur Verfügung stehen. Bei Fohlen gilt ein Wert über 800 mg/dl als ausreichend, 400 bis 800 mg/dl als teilweises Versagen und unter 400 mg/dl als vollständiges Versagen. Bei Welpen und Kätzchen lässt sich der Antikörperspiegel schwerer direkt messen, weshalb sich Tierärztinnen und Tierärzte stärker auf die Vorgeschichte, Risikofaktoren und die Entwicklung in den ersten Lebenstagen stützen und eingreifen, wenn das Gesamtbild nicht stimmt.

Ruf noch am selben Tag deine Tierärztin oder deinen Tierarzt an, nicht erst morgen, wenn ein Neugeborenes:

  • in den ersten zwei bis vier Lebensstunden nicht gesäugt hat
  • von der Mutter getrennt gehalten wird oder die Mutter keine Milch gibt
  • in den ersten Lebenstagen an Gewicht verliert oder nicht stetig zunimmt

Das Timing entscheidet darüber, was noch möglich ist. Solange das Aufnahmefenster offen ist, kann Kolostrum von der Mutter, einer Spenderin derselben Tierart oder aus einer Kolostrumbank noch per Flasche oder Sonde verabreicht werden. Dabei zählt vor allem, dass es früh genug gegeben wird, weniger genau woher es stammt. Ist der Darm einmal geschlossen, muss der Antikörper auf anderem Weg ins Blut gelangen: Fohlen erhalten dann meist eine intravenöse Plasmatransfusion, Kätzchen können per Injektion Serum eines gesunden, geimpften Katers oder einer Katze bekommen. Beides sind Maßnahmen für die Tierärztin oder den Tierarzt, keine Sache zum Selbermachen. Vorbeugen ist hier besser als behandeln: Achte darauf, dass wirklich jedes Neugeborene früh trinkt, und hol dir schnell Hilfe, wenn eines es nicht schafft.

Das sind allgemeine Informationen, keine Diagnose. Ein Neugeborenes, das nicht gut gedeiht, sollte immer tierärztlich vorgestellt werden.

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