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Tierwissen
Eine Tierärztin kniet neben einer Ziege auf einem Bauernhof und untersucht behutsam ihren Kopf und Hals

Polioenzephalomalazie

Die Polioenzephalomalazie ist eine Schädigung der grauen Hirnsubstanz, meist durch Vitamin-B1-Mangel (Thiamin) oder Schwefelüberschuss, vor allem bei Schafen, Ziegen, Rindern und Kameliden.

Das Wort klingt sperrig, lässt sich aber leicht auflösen: „Polio" bedeutet grau, „Encephalo" steht für Gehirn, „Malazie" heißt Erweichung. Polioenzephalomalazie, oft mit PEM abgekürzt und auch als zerebrokortikale Nekrose bezeichnet, beschreibt eine Schädigung und das Absterben von Zellen in der grauen Substanz des Gehirns, jener äußeren Schicht, die für Sehen, Wachheit und koordinierte Bewegung zuständig ist. Der Begriff beschreibt also, was mit dem Gehirn passiert ist, nicht eine einzelne Krankheit mit einer einzigen Ursache.

PEM tritt am häufigsten bei Wiederkäuern auf, also bei Tieren, die ihr Futter im Pansen fermentieren. Das Merck Veterinary Manual beschreibt sie als weltweit häufige neurologische Erkrankung bei Wiederkäuern, die Rinder, Schafe, Ziegen, Hirsche und Kameliden wie Alpakas betrifft, und führt sie vor allem auf einen Mangel an Vitamin B1 (Thiamin) oder eine Schwefelvergiftung zurück. Thiamin ist deshalb so wichtig, weil das Gehirn es braucht, um Zucker in Energie umzuwandeln. Fehlt diese Energie, schwellen Gehirnzellen an und sterben ab. Gesunde Wiederkäuer stellen ihr Thiamin normalerweise selbst her, mithilfe von Mikroben im Pansen, und speichern davon nur sehr wenig. Deshalb kann jede Störung des Pansens innerhalb weniger Tage zu einem Mangel führen. Häufige Auslöser sind eine plötzliche Umstellung auf getreidereiches Futter, Pflanzen mit dem thiaminabbauenden Enzym Thiaminase wie Adlerfarn und Schachtelhalm, hohe Schwefelgehalte in Futter oder Wasser, Bleivergiftung, Salzvergiftung oder Wassermangel sowie eine Überdosierung des Kokzidiose-Medikaments Amprolium.

Bei Hunden und besonders bei Katzen gibt es ein verwandtes Problem unter anderem Namen: die Thiaminmangel-Enzephalopathie, die bestimmte tiefer liegende Hirnbereiche schädigt statt der Großhirnrinde. Katzen sind hier besonders gefährdet, weil sie im Verhältnis mehr Thiamin benötigen als die meisten anderen Tierarten. Fälle wurden auf reine Fleisch- oder Rohfisch-Diäten, selbstgekochtes Futter sowie schlecht verarbeitetes oder falsch gelagertes Fertigfutter zurückgeführt, da Thiamin durch Hitze und Zeit leicht abgebaut wird.

Anzeichen, bei denen du noch am selben Tag zur Tierärztin oder zum Tierarzt solltest

Egal um welche Tierart es sich handelt: PEM sieht aus wie ein Gehirn in Not, und die Symptome entwickeln sich schnell.

  • Ein wackeliger, taumelnder Gang, Stolpern oder Umfallen
  • Scheinbare Blindheit, obwohl die Pupillen noch auf Licht reagieren
  • Kopfpressen gegen Wände oder eine „Sternengucker"-Haltung mit nach hinten geneigtem Kopf
  • Zusammengekniffene oder ungewöhnlich stehende Augen, Zittern, Kreisbewegungen
  • Bei Katzen und Hunden oft zuerst Appetitlosigkeit und Erbrechen, bevor die neurologischen Symptome auftreten
  • Im fortgeschrittenen Stadium Zusammenbruch, Krampfanfälle und Koma

Die Behandlung besteht aus Thiamin-Injektionen sowie der Beseitigung der zugrunde liegenden Ursache, wobei jede Stunde zählt. Tiere, die früh behandelt werden, erholen sich oft erstaunlich schnell, manchmal schon innerhalb von ein bis zwei Tagen. Wird zu spät behandelt, können bleibende Schäden zurückbleiben oder das Tier stirbt. Deshalb solltest du bei plötzlicher Blindheit, Taumeln oder Krampfanfällen sofort den Notdienst kontaktieren, statt abzuwarten. Eine Tierärztin oder ein Tierarzt kann außerdem die vielen anderen Erkrankungen ausschließen, die ähnlich aussehen, etwa Listeriose, Bleivergiftung oder infektiöse Gehirnerkrankungen. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information, für eine Diagnose ist immer eine körperliche Untersuchung nötig.