
Grasähren bei Hunden: die unterschätzte Sommergefahr für Pfoten, Ohren und Nase
Wie Grasähren Hunden gefährlich werden können, welche Warnzeichen je nach Körperstelle auftreten, was du selbst tun kannst und wann tierärztliche Hilfe nötig ist.
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Das Wichtigste in Kürze
- Pfoten, Ohren, Achseln, Leisten und Fang nach jedem Spaziergang durch hohes Gras absuchen
- Fell gründlich durchkämmen statt nur anzuschauen, besonders die Befederung an Beinen und Ohren
- Lose im Fell sitzende Ähren sofort entfernen, dabei in Richtung der Spitze ziehen
- Niemals an einer Ähre herumbohren, die bereits in Haut, Ohr, Auge oder Nase eingedrungen ist, sondern die Tierärztin oder den Tierarzt anrufen
- Während der Ährensaison das Fell zwischen den Zehen und rund um die Ohren kurz halten
- Bei plötzlichem Kopfschütteln, Niesattacken, geschwollener Pfote oder tränendem Auge noch am selben Tag zur Tierärztin oder zum Tierarzt
Jeden Sommer füllen sich die Tierarztpraxen mit Hunden, die von einem ganz normalen Spaziergang etwas Winziges mitgebracht haben. Grasähren wirken auf den ersten Blick harmlos: ein trockener, spitzer Halm von ein, zwei Zentimetern Länge. Doch diese Ähren sind wie gebaut, um sich einzugraben, und einmal in die Haut eingedrungen, wandern sie immer weiter. Dieser Ratgeber richtet sich an alle, die zwischen Spätfrühling und Frühherbst mit ihrem Hund durch hohes Gras spazieren. Er zeigt, worauf du achten solltest, was du zu Hause sicher selbst tun kannst und welche Anzeichen bedeuten: nicht weiter suchen, sondern zum Telefon greifen.
Warum sind Grasähren für Hunde so gefährlich?
Der eigentliche Übeltäter ist die sogenannte Granne: die borstige, pfeilförmige Spitze des Ährchens von Wildgräsern, Gerste, Hafer und ähnlichen Pflanzen. Eine Granne hat an einem Ende eine scharfe Spitze und trägt entlang des Schafts Reihen von rückwärts gerichteten Widerhaken. Streichst du in Richtung der Spitze darüber, gleitet sie mühelos. Versuchst du, sie zurückzuziehen, verhaken sich die Widerhaken sofort.
Genau diese Einbahnstraßen-Konstruktion ist das ganze Problem. Eine Granne, die sich im Fell verfangen hat, arbeitet sich mit jedem Schritt tiefer zur Haut vor, und ist sie einmal in den Körper eingedrungen, kann sie nicht mehr von selbst rückwärts austreten. Am gefährlichsten sind die Ähren, wenn sie über den Sommer vollständig ausgetrocknet und hart geworden sind.
Auch pflanzliches Material ist nicht keimfrei. Grannen bringen Bakterien mit, sodass sich der Stichkanal, den sie hinterlassen, häufig entzündet und zu einem abgekapselten Abszess werden kann. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen bleibt das Problem örtlich begrenzt und gut behandelbar. In einer Auswertung von 791 bestätigten Fällen bei Hunden und Katzen war der kurzfristige Verlauf gut, und die Mehrheit konnte ambulant behandelt werden. Nur ein kleinerer Teil entwickelte eine ernsthafte Erkrankung, die Bildgebung, Endoskopie oder eine Operation nötig machte.
Was viele Besitzerinnen und Besitzer überrascht: Grasähren sind auf Bildgebung erstaunlich schlecht zu sehen. In einer Studie an Hunden und Katzen, die vor der Entfernung der Ähre eine Computertomografie erhielten, war die Ähre selbst nur in 19 Prozent der Fälle sichtbar, während die von ihr verursachte Schwellung, der Abszess oder die Flüssigkeitsansammlung in 96 Prozent der Fälle zu erkennen war. Die Bildgebung zeigt also meist den angerichteten Schaden, nicht den Verursacher selbst, weshalb frühes Erkennen so entscheidend ist.
Welche Hunde sind besonders gefährdet?
Grundsätzlich kann jeder Hund, der durch verblühtes, samentragendes Gras läuft, sich eine Ähre einfangen, aber der Felltyp spielt eine große Rolle. In einer großen Studie im ländlichen Australien hatten Hunde mit mittellangem Fell ein dreifach höheres Risiko für Grasähren-bedingte Erkrankungen im Vergleich zu kurzhaarigen Hunden, und betroffene Hunde wurden fünfmal seltener regelmäßig gepflegt. Rassen mit dichtem Fell waren überdurchschnittlich häufig vertreten.
Jagd- und Arbeitshunde sind die klassischen Patienten. Spaniel, Vorstehhunde und Retriever tauchen in Fallserien immer wieder auf, teils weil sie mit offenem Fang durch Felder rennen, teils weil ihr längeres Fell die Ähre lange genug an der Haut hält, damit sie eindringen kann.
Kurzhaarige, glatte Hunde sind nicht ausgenommen. Sie sammeln zwar weniger Ähren im Fell, aber die wenigen, die hängen bleiben, wandern direkt Richtung Haut zwischen den Zehen, in die Achseln oder in die Leisten.
Wo bleiben Grasähren stecken, und welche Anzeichen gibt es?
Die Symptome hängen stark davon ab, wo die Ähre landet. Bei Hunden ist der Gehörgang die mit Abstand häufigste Stelle, gefolgt von Haut und Nasenhöhle. Die meisten Probleme zeigen sich innerhalb von Stunden bis Tagen nach einem Spaziergang durch hohes Gras, aber nicht immer: In einer Fallserie bestanden die Symptome im Schnitt bereits vier Wochen, bevor die Ähre gefunden wurde, mit einer Spanne von zwei Tagen bis zu zwei Jahren. Zeigt dein Hund während der Ährensaison eines der folgenden Anzeichen, erwähne die Spaziergänge auch dann, wenn sie dir längst vergangen erscheinen.
Pfoten und Zehenzwischenräume
Die zweithäufigste Stelle nach dem Ohr. Achte auf:
- Plötzliches, geradezu zwanghaftes Lecken oder Kauen an einer Pfote, oft mit speichelbedingten Verfärbungen im Fell
- Hinken oder Hochhalten der Pfote
- Eine rote, glänzende Schwellung zwischen zwei Zehen, manchmal mit einer kleinen Öffnung oder einem Tropfen Ausfluss
- Aufjaulen, wenn die Pfote berührt wird
Fremdkörperbedingte Schwellungen zwischen den Zehen treten meist einzeln auf und häufiger an einer Vorderpfote, und sie können bei Druck aufplatzen und blutig-eitrige Flüssigkeit absondern. Anhaltendes Lecken zwischen den Zehen nach einem Sommerspaziergang ist ein Warnsignal, selbst wenn du nichts sehen kannst.
Ohren
Eine Granne, die in den Gehörgang rutscht, verursacht sofort heftige Beschwerden: wildes Kopfschütteln, Schiefhalten des Kopfes, verzweifeltes Kratzen und Pfoten am Kopf sowie Aufschreien. Bleibt sie stecken, entzündet sie den Gehörgang und löst eine Infektion aus, und in bildgebenden Untersuchungen wurde bei betroffenen Hunden bereits Flüssigkeit im Mittelohr nachgewiesen. Nicht jedes Ohrproblem im Sommer geht auf eine Ähre zurück: Auch Wasser, das nach dem Schwimmen im Ohr eingeschlossen bleibt, verursacht sehr ähnliche Symptome, weshalb eine Tierärztin oder ein Tierarzt in den Gehörgang schauen muss, um beides zu unterscheiden.
Nase
Eingeatmete Grannen lösen plötzlich einsetzende, heftige und wiederholte Niesattacken aus. Bei Hunden, bei denen mittels Rhinoskopie (Nasenspiegelung) ein Fremdkörper in der Nase diagnostiziert wurde, war Niesen in fast vier von fünf Fällen das erste Anzeichen, und über 90 Prozent der geborgenen Fremdkörper waren Grasähren. Möglich sind außerdem Ausfluss oder ein wenig Blut nur aus einem Nasenloch, Pfoten am Gesicht oder das Reiben der Nase am Teppich.
Augen
Eine Ähre unter dem Augenlid oder im Gewebe rund ums Auge führt zu Kneifen, tränenden Augen, Rötung und Pfoten am Auge. Hier heißt es nicht abwarten. In einem dokumentierten Fall, in dem eine Grasähre das Augenlid eines Hundes durchbohrt hatte, schwoll das Auge an und sonderte Eiter ab, der Hund verweigerte das Futter und wurde teilnahmslos, bevor die Ähre einen Monat später gefunden und entfernt wurde. Auch hinter dem Auge und, in seltenen Fällen, sogar im Augeninneren wurden bereits Grasähren geborgen.
Haut, Achseln, Leisten und Schwanz
Grannen bevorzugen dünnhäutige, geschützte Stellen. Achte auf eine kleine, nässende Wunde, einen immer wiederkehrenden Knoten oder einen Abszess, der auf Antibiotika zunächst abheilt und nach Ende der Behandlung erneut aufbricht. Wandert die Ähre tiefer in den Körper, werden die Anzeichen unspezifischer. Bei Hunden und Katzen, bei denen eine Grasähre den Bauchraum erreicht hatte, waren Teilnahmslosigkeit, Appetitlosigkeit und Fieber die typischen Beschwerden, ganz ohne erkennbare Wunde als Hinweis.
Atemwege und Brustkorb
Selten, aber ernst. Husten, angestrengte Atmung und erhöhte Temperatur bei einem Hund, der kürzlich in hohem Gras unterwegs war, sollten dringend abgeklärt werden. Grannen, die in den Brustkorb wandern, gelten als anerkannte Ursache für Lungenentzündung, Eiter im Brustraum und einen Lungenkollaps, und typischerweise betroffen sind junge Jagdhunde mit Husten und Fieber. Grannen, die Gehirn oder Wirbelsäule erreichen, sind selten, wurden aber dokumentiert und verursachen schwere Erkrankungen.
Wie kontrolliere ich meinen Hund nach einem Spaziergang durch hohes Gras?
Mach daraus eine zweiminütige Routine direkt an der Haustür statt eines großen Projekts. Taste deinen Hund ab, solange die Ähren noch locker im Fell sitzen.
- Beginne am Kopf. Schau in beide Ohrmuscheln und in die Hautfalten, und kontrolliere Augen und Fang.
- Arbeite dich am Körper entlang, mit besonderem Augenmerk auf Achseln, Brust, Bauch, Leisten und den Bereich unter dem Schwanz.
- Hebe jede Pfote an und spreize die Zehen. Kontrolliere die Schwimmhäute oben und unten und schau zwischen die Ballen.
- Kämme das Fell durch, besonders die Befederung an Beinen, Ohren und Schwanz. Dieser Schritt zählt mehr, als man denkt: Bloßes Absuchen des Fells ohne gründliches Kämmen bot in der australischen Studie keinen Schutz, regelmäßige Fellpflege hingegen schon.
- Wirf am Abend noch einmal einen kurzen Blick über deinen Hund. Übersehene Ähren haben sich bis dahin oft schon zur Haut vorgearbeitet, und der Hund macht dich meist selbst auf die Stelle aufmerksam.
Kann ich eine Grasähre selbst bei meinem Hund entfernen?
Manchmal ja, und die Grenze ist klar gezogen.
- Ähre, die lose im Fell sitzt oder leicht zugänglich ist: Entferne sie mit den Fingern, einer Pinzette oder einem Kamm, dabei in Richtung der Spitze ziehen. Prüfe, ob du das ganze Ährchen erwischt hast, denn zurückbleibende Bruchstücke können trotzdem weiterwandern. Genau das darfst und solltest du selbst tun, es verhindert das ganze Problem im Ansatz.
- Ähre, die bereits in die Haut eingedrungen ist oder sich in Ohr, Auge oder Nase befindet: Lass sie in Ruhe und ruf die Tierärztin oder den Tierarzt an. Wer an einer teilweise eingedrungenen Granne herumbohrt, bricht meist nur den Schaft ab und lässt den mit Widerhaken versehenen Rest noch tiefer zurück. Ohren, Augen und Nase sind schmerzempfindlich, empfindlich gebaut und zu Hause unmöglich richtig zu untersuchen.
Ist eine Pfote bereits geschwollen und du kommst nicht am selben Tag zur Tierärztin oder zum Tierarzt, kann das Baden der Pfote in warmem Wasser als gängige Erste-Hilfe-Maßnahme bei Schwellungen zwischen den Zehen die Stelle sauber halten, während du wartest. Das ist eine Übergangslösung, keine Behandlung. Trage keine Cremes auf und drücke nicht auf die Schwellung.
Wann solltest du die Tierärztin oder den Tierarzt anrufen?
Kontaktiere noch am selben Tag deine Tierärztin oder deinen Tierarzt, wenn dein Hund nach der Zeit im hohen Gras eines der folgenden Anzeichen zeigt:
- Ununterbrochenes Lecken oder Kauen an einer Pfote, oder eine heiße, schmerzhafte Schwellung zwischen den Zehen
- Plötzliches Kopfschütteln, Kopfschiefhaltung oder Aufschreien bei Berührung des Ohrs
- Heftige Niesattacken oder Blutung aus einem Nasenloch
- Ein kneifendes, tränendes, geschwollenes oder gerötetes Auge
- Eine nässende Öffnung in der Haut, oder ein Knoten, der immer wieder aufplatzt und sich erneut füllt
- Teilnahmslosigkeit, schlechter Appetit oder Fieber ohne erkennbaren Grund
Suche sofort eine Notfallklinik auf, wenn dein Hund Atemnot hat, stark hustet, zusammengebrochen ist oder deutlich schmerzhaft und fiebrig wirkt.
Der Zeitpunkt entscheidet über alles. Je früher eine Ähre entdeckt wird, desto leichter lässt sie sich entfernen, und eine am ersten Tag gefundene Ähre bedeutet oft nur einen kurzen Eingriff unter Sedierung. Dieselbe Ähre Wochen später kann eine chirurgische Freilegung ohne Erfolgsgarantie bedeuten.
Was macht die Tierärztin oder der Tierarzt?
Fast immer ist dafür eine Sedierung oder eine kurze Vollnarkose nötig, denn die betroffenen Stellen sind viel zu schmerzhaft, als dass ein Hund dabei stillhalten könnte.
- Ohren: Entfernung mit feiner Pinzette über ein Otoskop oder Endoskop, dazu Behandlung einer eventuellen begleitenden Ohrentzündung
- Nase und Atemwege: Bergung per Endoskopie. In der oben genannten Rhinoskopie-Studie wurde jede Ähre auf diesem Weg entfernt, und bei 97 Prozent der nachuntersuchten Hunde bildeten sich die Symptome vollständig zurück
- Pfoten und Haut: Öffnen der Schwellung, um die Ähre zu finden und zu entfernen, anschließend Antibiotikagabe. Bei Schwellungen zwischen den Zehen dauern die Behandlungen häufig vier bis sechs Wochen, manchmal auch länger
- Tiefer liegende Stellen: Ultraschall ist hier das wichtigste Werkzeug. Bei Hunden, die wegen chronischer Abszesse und Fistelgänge operiert wurden, fand der Ultraschall vor der Operation den Fremdkörper in 88 Prozent der Fälle, verglichen mit 57 Prozent bei Computertomografie oder Magnetresonanztomografie, und eine erneute Untersuchung während der Operation erhöhte die Erfolgsquote, die Ähre tatsächlich zu bergen
Manchmal lässt sich die Ähre beim ersten Versuch nicht finden. Das ist ärgerlich, aber nicht ungewöhnlich, und deine Tierärztin oder dein Tierarzt behandelt dann zunächst die Entzündung, kontrolliert nach ein paar Tagen erneut und untersucht noch einmal mit Ultraschall.
Wie kann ich Problemen mit Grasähren vorbeugen?
- Halte während der Ährensaison das Fell zwischen den Zehen, rund um die Ohröffnungen und am Bauch kurz. Bei langhaarigen Hunden ist das die wirksamste Einzelmaßnahme überhaupt
- Pflege das Fell nach Spaziergängen gründlich mit dem Kamm, statt es nur anzuschauen
- Meide Felder mit trockenem, samentragendem Gras in der Hochsaison und bleib auf befestigten oder gemähten Wegen, notfalls an der Leine, wenn du ein solches Feld queren musst
- Erwäge für Hunde, die immer wieder Ähren in Nase oder Ohren bekommen, ein am Halsband befestigtes Schutznetz für den Kopf, das aber nichts unterhalb des Halses schützt
- Entferne samentragende Gräser im eigenen Garten, damit dein Hund sie nicht schon zu Hause aufsammelt
Nach der Behandlung
Halte einen eventuellen Verband sauber und trocken, verwende einen Schutzkragen oder eine Abdeckung, wenn dein Hund die Stelle beleckt, und beende die verordnete Medikamentengabe vollständig. Antibiotika zu früh abzusetzen ist ein bekannter Grund dafür, dass Schwellungen zwischen den Zehen zurückkehren. Achte darauf, ob die Schwellung wiederkommt oder weiter oben am Bein ein neuer Knoten entsteht, denn das kann bedeuten, dass ein Bruchstück zurückgeblieben ist oder eine zweite Ähre unterwegs ist. Sag deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt Bescheid, falls das passiert.
Grasähren gehören zu den wenigen Sommergefahren, bei denen eine kurze, unspektakuläre Gewohnheit den Notfall tatsächlich verhindern kann. Zwei Minuten mit dem Kamm an der Haustür schlagen jede Narkose, und rutscht doch einmal etwas durch, sorgt frühe Behandlung dafür, dass aus einem kleinen Problem kein großes wird.


